Q2 · 2021„Fürs Team“

In den vergangenen Ausgaben des Spotlight on Performance habe ich bereits einige Beispiele aus der Welt des Spitzensports herangezogen, um wichtige Lektionen für Führungskräfte herzuleiten. Das liegt daran, dass grossartige Athleten auf einer öffentlichen Bühne antreten und wir deswegen die Qualitäten bewundern können, die zu einem Triumph führen.

«Wie viel ist auf Teamwork zurückzuführen?»

In meinen Vorträgen, in denen ich auf das Erbringen von Spitzenleistungen von Weltklasse-Athleten eingehe, werde ich von Führungskräften oft gefragt, inwieweit solch grossartige Einzelleistungen auf Teamwork zurückzuführen sind. Meine Antwort lautet jeweils: wahrscheinlich viel mehr, als Sie denken.

Erfolg in Individualsportarten wird oft eindimensional betrachtet – als Leistung einer einzelnen herausragenden Sportlerin oder eines einzelnen herausragenden Sportlers. Das ist verständlich, denn als Zuschauer sehen wir natürlich meist nur die ausgeführte Leistung im Stadion oder auf der Piste. Aber diese Sichtweise ist sehr oberflächlich. In vielen Fällen findet hinter den Kulissen eine enorme Arbeit statt, an der viele verschiedene Menschen beteiligt sind, grossartige Coaches und Experten, die in einer aussergewöhnlichen starken Teamarbeit zusammenarbeiten. Ich habe das in der Vergangenheit bei Sportgrössen wie Roger Federer im Tennis oder Dominique und Michelle Gisin im Skisport erlebt.

Und kürzlich gab es ein weiteres grossartiges Beispiel – von Simona di Silvestro.

Sich auf die Ausführung konzentrieren

Simona ist eine der wenigen weiblichen Fahrerinnen in der Welt des Motor-Rennsports. Sie wird in den Medien als «wahrscheinlich die beste Allround-Fahrerin der Welt» bezeichnet. Ich habe in den letzten Monaten mit ihr gearbeitet, um mit ihr die Saison und insbesondere auf das Indy 500-Rennen in Indianapolis vorzubereiten.

Für diejenigen unter Ihnen, die mit den Anforderungen dieses Sports nicht so vertraut sind: Die IndyCar Series ist einer der härtesten Motor-Rennsportwettbewerbe der Welt. Vor allem das Indianapolis 500–Race ist das mit Abstand grösste Rennen der IndyCar Series. Das Prestige des Indy 500 zeigt sich an den riesigen Zuschauermengen, die es anzieht. Als es im Mai dieses Jahres stattfand, war es das grösste Sportereignis seit Covid-19. Das Oval war mit 135.000 Fans gefüllt, obwohl die Kapazität aufgrund der Pandemie auf etwa 40 % beschränkt war. Das 500-Meilen-Rennen (800 km, 200 Runden) dauert etwa drei Stunden, mit fünf Boxenstopps, und die Autos erreichen dabei Geschwindigkeiten von rund 230 Meilen pro Stunde (375 km/h).

Es erfordert aussergewöhnliche mentale Stärke, der enormen Intensität der hohen Geschwindigkeit und der direkten Konkurrenz durch die anderen Autos standzuhalten. Die Fähigkeit, derart lange fokussiert zu bleiben und Chancen zu nutzen, ist mitentscheidend für ein erfolgreiches Rennen.

Was das diesjährige Rennen noch spezieller machte – und noch mehr Erwartungen mit sich brachte – war, dass Simona ausgewählt wurde, die Hauptfahrerin von Paretta Autosport zu sein, dem ersten von Frauen geführten IndyCar-Team, in dem über 70% des Personals weiblich sind. Dies war ein historischer Moment in der männerdominierten Welt des Motorsports.

Historischer Auftritt

Simonas Reputation entstand nicht von heute auf morgen. Es hat viele Jahre der Hingabe gebraucht, um dahin zu kommen, wo sie heute ist. In ihrer Karriere hat sie enormen Mut bewiesen. Um nur ein Beispiel zu nennen: 2011 zog sie sich Verbrennungen zweiten Grades zu, nachdem ein mechanischer Defekt beim Training für das Indy 500 zu einem Unfall geführt hatte. Der Unfall führte dazu, dass ihr Auto in den Fangzaun segelte, sich überschlug und auf den linken Reifen landete. Nur zwei Tage später kehrte sie zurück, um sich mit einem Ersatzauto für das Rennen zu qualifizieren, und erreichte in vier Runden eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 224 mph.

Parettas historischer Auftritt beim diesjährigen Rennen endete beim letzten Boxenstopp wegen einer unglücklichen technischen Panne, die auch andere Fahrer betraf. Nichtsdestotrotz haben Simona und das Paretta-Team bewiesen, dass sie ein Team geworden sind mit Fähigkeiten, auf höchstem Niveau kompetitiv zu sein.

Schon bei der Qualifikation für das diesjährige Indy 500-Race zeigte Simona, dass sie in der Lage ist, massivem Druck standzuhalten. Wie Sie vielleicht wissen, ist die Qualifikation für das Rennen an sich schon eine bedeutende Leistung, denn jede Fahrerin resp. jeder Fahrer muss sich seinen Platz in der Startaufstellung am Wochenende vor dem eigentlichen Rennen verdienen. Dafür musste sich Simona unter die schnellsten 33 Autos eines super-knappen Feldes qualifizieren.

Fürs Team

Simona hat sich die Fähigkeiten angeeignet, herausragende Leistungen zu erbringen, wenn es darauf ankommt. Aber es gibt etwas, das ich noch beeindruckender finde als ihre fahrerische Exzellenz und ihre mentale Belastbarkeit – sie ist ein echter Teamplayer.

Das ist mir aufgefallen, als ich nach der diesjährigen erfolgreichen Indy-500-Qualifikation mit ihr sprach. Das erste, was Simona in unserem Debrief-Gespräch sagte, war: «Weisst du, alle im Team haben so hart gearbeitet, ich wollte es unbedingt fürs Team schaffen.»

Wie Roger, Dominique, Michelle und andere Champions ist sich Simona des Teams, das sie unterstützt, sehr bewusst und fühlt eine starke Verantwortung, ihre beste Leistung nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr Team zu erbringen. Es ist das Gegenteil von Ego, Status oder Arroganz. Es ist Ausdruck der Demut und Bescheidenheit eines wahren Sportlers, zu wissen, dass man nicht alleine erfolgreich sein kann. Ich finde die diese Einstellung, höchste Motivation für das Erbringen der eigenen Bestleistung zu finden, fürs Team und die ganze Organisation erfolgreich zu performen, herausragend.

Was wir davon lernen können

Es gibt eine wichtige Lektion, sowohl für uns im Business als auch im Sport – das Streben nach der eigenen Spitzenleistung, nicht zum Selbstzweck, sondern quasi als Dienstleistung für unser Team und unsere Organisation.

In der heutigen «Promi-Kultur» ist es in Mode, Erfolge an einzelnen Personen festzumachen. Stellen Sie sich hingegen in den Dienst des Gesamterfolgs Ihres Teams und Ihrer Organisation, werden Sie viel grössere Synergien schaffen – und ein Vorbild sein, das die Menschen um Sie herum inspiriert, füreinander, für das Team und die gesamte Organisation zu performen, um Grossartiges zu erreichen.

Simona hat uns gezeigt, dass wir passioniert unsere Ziele verfolgen und mit viel Selbstvertrauen sowie mentaler Stärke den Gesamterfolg anstreben können. Als Teamplayer. Sie ist – auch dank dieser Einstellung – ein Aushängeschild des Motorsports geworden, ein Vorbild für Mädchen und Frauen, und eine Inspiration für uns alle.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg,